Was bedeuten Roboter auf der IFA für Ihre Personalplanung?

7. September 2026 | KI im Controlling

Das Wichtigste in Kürze

  • Humanoide Roboter bewegen sich sichtbar flüssiger als noch vor einem Jahr. Der belastbare Anwendungsfall liegt heute nicht im Haushalt, sondern in Umgebungen, die für Menschen zu heiß oder zu eng sind.
  • Für die Personalplanung heißt das: Nicht ganze Stellen verschwinden, sondern einzelne Aufgaben — vor allem die, für die Sie ohnehin niemanden finden.
  • Exoskelette sind der unauffälligere Hebel. Sie senken das Risiko von Ausfällen bei körperlicher Arbeit, und Ausfalltage sind eine Größe, die im Controlling messbar ist.
  • Wer Automatisierung rechnen will, braucht drei Zahlen: Häufigkeit der Aufgabe, Kosten je Durchlauf und die Kosten des Stillstands, wenn niemand sie erledigt.
  • Die Investitionsfrage lautet nicht „Was kann die Technik?“, sondern „Welchen unserer Engpässe löst sie — und wie oft tritt der auf?“

Auf einer Elektronikmesse zwischen Robotern zu stehen ist unterhaltsam. Interessant wird es in dem Moment, in dem man aufhört zu staunen und anfängt zu rechnen. Genau das war meine Rolle auf der IFA 2026 in Berlin: nicht zu fragen, was diese Geräte können, sondern welche Position in einer Kalkulation sie verändern.

Der vollständige Rundgang mit Thorsten Jekel dauert eine halbe Stunde. Hier geht es um den Teil, der für Controlling und Personalplanung relevant ist.

Was sich in einem Jahr wirklich verändert hat

Im Vorjahr sahen wir einen Roboter, der Wäsche zusammenlegte. Unser gemeinsamer Kommentar damals: Bis der fertig ist, habe ich fünf Waschmaschinen durch. In diesem Jahr war der Unterschied mit bloßem Auge zu sehen. Die Bewegungen sind flüssiger, die Geräte schneller, das Wanken ist verschwunden.

Diese Beobachtung ist für sich genommen keine Entscheidungsgrundlage. Sie wird erst dann eine, wenn man sie in eine Kurve übersetzt: Wenn eine Technologie zwei Jahre hintereinander sichtbar besser wird, ist die Frage nicht mehr, ob sie einsatzreif wird, sondern wann — und ob Ihr Investitionszyklus dazu passt.

Wo Roboter heute schon rechnen

Der überzeugendste Anwendungsfall auf der Messe war nicht der Haushalt, sondern die Inspektion von Industrieanlagen. Hohe Temperaturen, Gase, enge Ecken — Umgebungen, in die Menschen aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dürfen oder schlicht nicht hineinkommen. Vierbeinige Geräte erreichen Stellen, an die wir mit zwei Beinen nicht gelangen, und manche Modelle lassen sich flach machen.

Für die Kalkulation ist das eine angenehme Ausgangslage, denn hier konkurriert der Roboter nicht mit einem günstigeren Menschen. Er konkurriert mit einer Abschaltung der Anlage, mit Schutzausrüstung, mit Wartezeiten — also mit Kosten, die Sie ohnehin schon tragen und die sich beziffern lassen.

Der unauffällige Hebel: Exoskelette

Exoskelette bekommen weniger Aufmerksamkeit als humanoide Roboter, sind aber näher an der Anwendung. Auf der Messe waren Modelle mit Knieunterstützung zu sehen. Sie entlasten Menschen, die lange stehen oder schwer heben, und beugen Verletzungen vor. Bemerkenswert: Man kann sie umschalten, dann erschweren sie die Bewegung und werden zum Training.

Der Nutzen taucht nicht in der Produktivitätsstatistik auf, sondern bei den Ausfalltagen und in der Unfallstatistik. Beides sind Größen, die Sie bereits erheben — und damit ein seltener Fall: eine Investition, deren Wirkung Sie ohne neues Kennzahlensystem nachweisen können.

Was das für die Personalplanung bedeutet

Die Debatte wird meist als Entweder-oder geführt: Mensch oder Maschine. In der Praxis verschwinden keine Stellen, sondern einzelne Aufgaben. Und zwar zuerst die, für die Sie ohnehin niemanden finden — die unbequemen, die körperlich belastenden, die zu ungünstigen Zeiten.

Für die Planung heißt das: Zerlegen Sie Stellen in Aufgaben, bevor Sie über Automatisierung sprechen. Sonst diskutieren Sie über Kopfzahlen, während die eigentliche Veränderung eine Ebene tiefer stattfindet. Dieselbe Logik gilt für KI im Büro, wie ich in meinem Beitrag über KI als Teamkollegen im Controlling beschrieben habe.

In fünf Schritten zur belastbaren Entscheidung

  1. Aufgabe statt Stelle betrachten. Welche einzelne Tätigkeit soll die Technik übernehmen? Je enger die Beschreibung, desto belastbarer die Rechnung.
  2. Häufigkeit erheben. Wie oft fällt diese Aufgabe an — täglich, wöchentlich, dreimal im Jahr? Bei geringer Frequenz endet die Prüfung meist hier.
  3. Kosten des Nichtstuns beziffern. Was kostet es heute, wenn die Aufgabe liegen bleibt oder nur mit Schutzmaßnahmen erledigt werden kann?
  4. Pilot mit Abbruchkriterium. Ein Bereich, ein Quartal, eine vorher festgelegte Zahl, an der Sie die Fortsetzung festmachen.
  5. Wirkung an vorhandenen Kennzahlen messen. Ausfalltage, Durchlaufzeit, Stillstandzeiten. Wer dafür ein neues Kennzahlensystem braucht, misst vermutlich das Falsche.

Fazit

Der Blick über den Tellerrand gehört zur Aufgabe — gerade im Controlling, wo man sonst leicht nur nach innen schaut. Man muss nicht jedes Gerät kaufen, das man auf einer Messe sieht. Aber man sollte wissen, welche Entwicklungen sich der eigenen Kostenstruktur nähern, bevor der Wettbewerb es weiß.

Den vollständigen Rundgang mit allen Stationen finden Sie auf digital4productivity.de. Und wenn Sie vor der Frage stehen, welche Technologie überhaupt zu Ihrem Unternehmen passt, hilft die Entscheidungshilfe von Thorsten Jekel beim Sortieren.

10 Fragen und Antworten

1. Ersetzen Roboter in absehbarer Zeit Mitarbeitende?

In der Breite nein. Sie übernehmen einzelne Aufgaben, und zwar zuerst die, für die sich ohnehin schwer Personal finden lässt. Die Veränderung findet auf Aufgabenebene statt, nicht auf Stellenebene.

2. Woran erkenne ich, ob sich Automatisierung rechnet?

An drei Zahlen: wie oft die Aufgabe anfällt, was ein Durchlauf heute kostet und was es kostet, wenn sie liegen bleibt. Fehlt eine dieser Zahlen, ist die Investitionsrechnung eine Schätzung.

3. Warum sind Exoskelette für das Controlling interessant?

Weil ihre Wirkung an vorhandenen Kennzahlen sichtbar wird — Ausfalltage und Unfallstatistik. Sie brauchen dafür kein neues Messsystem, was bei Digitalinvestitionen die Ausnahme ist.

4. Ist eine Messe überhaupt der richtige Ort für solche Fragen?

Für Entscheidungen nicht, für Früherkennung schon. Sie sehen dort den Entwicklungsstand mehrerer Anbieter nebeneinander und können einschätzen, ob ein Thema näher rückt oder stehen bleibt.

5. Wie gehe ich mit dem Ausstellungseffekt um?

Alles auf einer Messe ist für den besten Fall aufgebaut. Fragen Sie deshalb nach Grenzen: Was funktioniert nicht? Welche Bedingungen braucht der Betrieb? Wer darauf keine Antwort hat, verkauft einen Prototypen.

6. Sollte das Controlling bei solchen Investitionen früher eingebunden werden?

Ja, und zwar vor der Anbieterauswahl. Wenn die Kennzahlen erst nach der Entscheidung definiert werden, entstehen sie zwangsläufig so, dass die Entscheidung gut aussieht.

7. Wie groß sollte ein Pilotprojekt sein?

Klein genug, um ihn abzubrechen, ohne dass es wehtut. Ein Bereich, ein Quartal, ein vorher festgelegtes Abbruchkriterium. Ohne dieses Kriterium wird aus jedem Pilot ein Dauerzustand.

8. Was ist mit den Kosten für Schulung und Wartung?

Die werden regelmäßig unterschätzt. Rechnen Sie mit einem Aufschlag auf den Anschaffungspreis für Einführung, Schulung und laufende Betreuung — und fragen Sie den Anbieter nach Erfahrungswerten aus vergleichbaren Betrieben.

9. Wie erkläre ich der Geschäftsführung, dass wir noch warten sollten?

Mit derselben Systematik wie bei einer Zusage. Zeigen Sie Häufigkeit, Kosten und Reifegrad. „Noch nicht“ ist eine begründete Entscheidung, sobald Sie sagen können, welche Bedingung erfüllt sein muss, damit daraus ein Ja wird.

10. Womit fange ich an?

Mit einer Liste der Aufgaben, für die Sie seit über einem Jahr niemanden finden. Das ist die ehrlichste Automatisierungs-Roadmap, die ein Unternehmen haben kann.

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