Autohaus-Controlling: Welche Kennzahlen brauchen Sie wirklich, um nicht im Blindflug zu steuern?

4. Dezember 2023 | Controlling-Praxis

Das Wichtigste in Kürze

  • Viele Autohäuser steuern nach Bauchgefühl und merken zu spät, dass die Liquidität knapp wird.
  • Die Ursache ist selten fehlendes Zahlenmaterial, sondern fehlende Auswahl: zu viele Kennzahlen, zu wenig Fokus.
  • Vier Perspektiven genügen: Finanzen, Kunden, Prozesse und Weiterentwicklung.
  • Die wichtigste Erste-Hilfe-Kennzahl ist die finanzielle Reichweite in Monaten.
  • Kennzahlen wirken erst, wenn sie eine Geschichte erzählen, die das Team versteht.

Niemand würde ein Auto fahren, dessen Armaturenbrett leer ist. Kein Tacho, keine Tankanzeige, keine Warnleuchte für den Ölstand. Sie würden losfahren und irgendwann stehen bleiben – ohne zu wissen, warum. Und doch werden erstaunlich viele Autohäuser genau so gesteuert. Der Umsatz stimmt gefühlt, der Hof ist voll, die Werkstatt ausgelastet. Bis der Steuerberater im Mai die Zahlen des Vorjahres bringt.

Das Problem ist nicht, dass es keine Daten gäbe. Ein Autohaus produziert täglich Zahlen: Aufträge, Stunden, Teile, Probefahrten, Bewertungen. Das Problem ist, dass niemand entschieden hat, welche davon auf das Armaturenbrett gehören.

Warum mehr Kennzahlen nicht helfen

Die typische Reaktion auf Unsicherheit ist eine größere Auswertung. Am Ende steht ein Bericht mit 60 Zeilen, den keiner liest. Ein Armaturenbrett mit 60 Anzeigen wäre genauso unbrauchbar. Sie brauchen wenige Anzeigen, die im richtigen Moment aufleuchten.

Hilfreich ist deshalb ein einfaches Ordnungsraster mit vier Perspektiven: Wie steht es um das Geld? Was sagen die Kunden? Wie laufen die Abläufe? Und entwickeln wir uns weiter? Zu jeder Perspektive genügen zwei bis drei Kennzahlen. Mehr braucht ein Autohaus für die tägliche Steuerung nicht.

Perspektive Finanzen: Wie lange reicht der Tank?

Die wichtigste Erste-Hilfe-Kennzahl ist die finanzielle Reichweite. Sie rechnen sie so: Alle verfügbaren Mittel auf den Konten plus die freien Kreditlinien, geteilt durch die durchschnittlichen monatlichen Kosten. Das Ergebnis ist eine Zahl in Monaten. Sie sagt Ihnen, wie lange Sie durchhalten, wenn ab morgen kein Auto mehr verkauft wird. Als Orientierung gilt ein Puffer von etwa einem halben Jahr.

Dazu kommen zwei weitere Werte. Die Rendite beantwortet die unbequeme Frage, ob sich das eingesetzte Kapital im Autohaus überhaupt lohnt oder anderswo besser arbeiten würde. Und die Kapitalstruktur zeigt das Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital. Mehr Fremdkapital ermöglicht schnelleres Wachstum, erhöht aber das Risiko, wenn die Zinsen steigen oder der Absatz stockt.

Perspektive Kunden: Wer kommt wieder?

Ein Neuwagenkunde bringt einmal Umsatz. Ein zufriedener Stammkunde bringt Werkstattaufträge, Teile, Zubehör und irgendwann das nächste Fahrzeug. Deshalb gehört die Weiterempfehlungsbereitschaft auf das Armaturenbrett. Sie fragen nach jedem Auftrag mit einer einzigen Frage: Wie wahrscheinlich würden Sie uns weiterempfehlen? Aus den Antworten entsteht ein Wert, den Sie über die Zeit verfolgen können.

Zwei weitere Kennzahlen sind ebenso wichtig. Die Stammkundenquote zeigt, welcher Anteil Ihrer Aufträge von bestehenden Kunden kommt. Und die Zusatzverkaufsrate zeigt, wie oft aus einem Werkstattbesuch mehr wird als die reine Reparatur. Beide sind leichter zu beeinflussen als jede Neukundengewinnung.

Perspektive Prozesse: Drei Trichter

Denken Sie in Trichtern. Der Vertriebstrichter zeigt, wie viele aktive Interessenten es gibt, wie viele Angebote offen sind und wie viele Abschlüsse daraus entstehen – je Verkäufer. Wer das sieht, erkennt frühzeitig, ob ein Problem beim Zulauf oder beim Abschluss liegt.

Der Werkstatttrichter beantwortet die Frage, ob die verkaufte Zeit zur benötigten Zeit passt. Wenn Sie für eine Arbeit 60 Minuten berechnen, Ihr Team sie aber in 40 Minuten schafft, arbeiten Sie über der Norm. Das ist der zentrale Hebel für die Werkstattrentabilität und einer der am häufigsten übersehenen.

Der dritte Trichter ist digital. Wie viele Menschen finden Sie über Suchmaschinen und soziale Netzwerke? Wie viele davon hinterlassen eine Anfrage? Wer heute ein Fahrzeug sucht, beginnt online. Wenn Sie dort nicht auftauchen, fehlt Ihnen der Zulauf, den Sie später im Vertriebstrichter schmerzlich vermissen.

Perspektive Weiterentwicklung: Was morgen trägt

Diese Perspektive fällt am häufigsten weg, weil sie nicht sofort wehtut. Drei Werte genügen. Die Abwesenheitstage je Mitarbeitendem sind ein Frühwarnsignal für Belastung und Stimmung. Die Zahl umgesetzter Verbesserungsvorschläge zeigt, ob Ihr Team mitdenkt oder nur abarbeitet. Und die Weiterbildungstage je Person sagen, ob Sie auf die technischen Umbrüche vorbereitet sind.

Ein einfaches Werkzeug dafür ist die kurze tägliche Besprechung. Maximal zehn Minuten, im Stehen, immer zur gleichen Zeit. Jeder sagt, woran er arbeitet und wo es klemmt. Das ersetzt keine Kennzahl, sorgt aber dafür, dass Abweichungen bemerkt werden, solange sie noch klein sind.

Kennzahlen brauchen eine Geschichte

Der letzte Punkt ist der, an dem die meisten Einführungen scheitern. Eine Tabelle bewegt niemanden. Ein Bild schon. Sprechen Sie über die Liquidität als Tankanzeige. Sprechen Sie über die Weiterempfehlung als das, was ein Kunde am Gartenzaun über Sie sagt. Wer Kennzahlen in Bilder übersetzt, die im Autohaus jeder kennt, bekommt Aufmerksamkeit statt genervter Blicke.

In sechs Schritten zum eigenen Armaturenbrett

  1. Rechnen Sie diese Woche Ihre finanzielle Reichweite in Monaten aus. Diese eine Zahl verändert oft sofort die Prioritäten.
  2. Wählen Sie je Perspektive höchstens drei Kennzahlen aus. Alles Weitere kommt in einen Anhang, nicht auf das Armaturenbrett.
  3. Legen Sie für jede Kennzahl fest, wer sie liefert, woher die Daten kommen und wie oft sie aktualisiert wird.
  4. Definieren Sie Schwellenwerte. Ab wann leuchtet die Warnlampe? Ohne Grenzwert ist eine Zahl nur Dekoration.
  5. Übersetzen Sie jede Kennzahl in ein Bild oder eine kurze Geschichte, die im Team ankommt.
  6. Besprechen Sie die Werte in einer festen kurzen Runde und leiten Sie jedes Mal genau eine Maßnahme ab.

Fazit

Controlling im Autohaus ist kein Selbstzweck und keine Bürokratie. Es ist das Armaturenbrett, das Ihnen sagt, ob Sie noch auf Kurs sind. Beginnen Sie mit der finanziellen Reichweite, ergänzen Sie eine Kundenkennzahl, einen Trichter und einen Wert zur Weiterentwicklung. Damit haben Sie mehr Steuerung als mit jeder 60-zeiligen Auswertung. Und der beste Zeitpunkt, damit anzufangen, ist nicht der nächste Jahresabschluss, sondern der kommende Montag.

10 Fragen und Antworten

1. Wie berechne ich die finanzielle Reichweite?

Verfügbare Mittel plus freie Kreditlinien geteilt durch die durchschnittlichen Monatskosten. Das Ergebnis ist die Zahl der Monate, die Sie ohne neue Einnahmen durchhalten.

2. Wie viele Kennzahlen sind sinnvoll?

Acht bis zwölf für die laufende Steuerung. Alles darüber führt dazu, dass keine mehr beachtet wird.

3. Was ist die Leistungsrate in der Werkstatt?

Das Verhältnis von verkaufter zu tatsächlich benötigter Arbeitszeit. Liegt sie über hundert Prozent, arbeitet Ihr Team schneller als kalkuliert.

4. Wie erhebe ich die Weiterempfehlungsbereitschaft?

Mit einer einzigen Frage nach jedem Auftrag, auf einer Skala von null bis zehn. Wichtig ist die Regelmäßigkeit, nicht die Ausführlichkeit.

5. Warum ist der Online-Trichter so wichtig?

Die Fahrzeugsuche beginnt fast immer im Netz. Wer dort nicht sichtbar ist, verliert Interessenten, bevor der Vertrieb sie überhaupt sieht.

6. Brauche ich dafür eine teure Software?

Nein. Ein sauberes Tabellenblatt reicht für den Anfang völlig. Wichtiger als das Werkzeug ist, dass die Zahlen verlässlich und regelmäßig kommen.

7. Wie oft sollte ich die Kennzahlen anschauen?

Liquidität und Trichter wöchentlich, die übrigen Werte monatlich. Ein Jahresrückblick allein kommt immer zu spät.

8. Wie bekomme ich das Team dazu, mitzumachen?

Indem Sie Kennzahlen erklären statt kontrollieren und Erfolge sichtbar machen. Eine Beteiligung am erwirtschafteten Vorteil wirkt zusätzlich.

9. Was tue ich, wenn die Reichweite unter drei Monate fällt?

Sofort handeln: Zahlungsziele prüfen, Lagerbestand abbauen, mit der Bank sprechen. Je früher das Gespräch, desto größer der Handlungsspielraum.

10. Welche Kennzahl würde ich zuerst einführen?

Die finanzielle Reichweite. Sie ist schnell gerechnet, sofort verständlich und verändert häufig unmittelbar das Handeln.


Dieser Beitrag greift ein Thema meiner Haufe-Kolumne auf. Das Original finden Sie unter haufe.de.

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