Das Wichtigste in Kürze
- Ein großer Teil der Controlling-Arbeit erzeugt keinen Nutzen – er entsteht durch gewachsene Abläufe, die niemand mehr hinterfragt.
- Das Gedächtniskürzel TIM WOOD benennt sieben Formen von Verschwendung und macht sie im Büro sichtbar.
- Die größte Falle ist Überproduktion: Berichte, die zuverlässig entstehen und zuverlässig niemand liest.
- Wer Verschwendung finden will, muss messen, nicht schätzen. Ein einfaches Zeitprotokoll genügt für den Anfang.
- Technik hilft erst, wenn der Prozess stimmt. Ein automatisierter Unsinn bleibt Unsinn – nur schneller.
Eine Controllerin erzählte mir einmal von einem Bericht, den sie seit vier Jahren jeden Monat erstellte. Zwei Tage Arbeit, saubere Aufbereitung, pünktlich am dritten Werktag im Postfach von sieben Empfängern. Irgendwann fragte sie nach. Ergebnis: Zwei der Empfänger waren nicht mehr im Unternehmen. Vier öffneten die Datei grundsätzlich nicht. Einer nutzte genau eine Kennzahl daraus.
Solche Geschichten sind kein Einzelfall, sondern der Normalzustand. Und sie sagen nichts über die Menschen aus, die diese Arbeit leisten. Sie sagen etwas über Prozesse, die einmal einen Sinn hatten und ihn irgendwann verloren haben. Die Frage ist nur: Wie finden Sie diese Stellen, ohne monatelang zu analysieren?
Warum sich Verschwendung so hartnäckig hält
In der Produktion fällt Verschwendung auf. Ein Stapel Halbfertigware im Gang, eine stillstehende Maschine, ein Ausschussteil – das sieht jeder. Im Büro sieht niemand etwas. Ein doppelt gepflegter Datensatz sieht genauso aus wie produktive Arbeit: jemand tippt konzentriert in einen Bildschirm.
Dazu kommt ein sozialer Effekt. Wer einen Bericht abschafft, muss erklären, warum er ihn jahrelang erstellt hat. Wer eine Freigabeschleife streicht, nimmt jemandem eine Zuständigkeit weg. Deshalb wird selten etwas gestrichen und regelmäßig etwas ergänzt. Die Arbeitsmenge wächst wie ein Dachboden.
TIM WOOD: sieben Arten, Zeit zu verlieren
Aus dem Lean Management stammt ein nützliches Gedächtniskürzel. TIM WOOD steht für sieben Verschwendungsarten und funktioniert im Controlling genauso gut wie in der Fertigung. Es hilft, weil es Sprache gibt: Was einen Namen hat, lässt sich ansprechen.
- Transport: Daten wandern per E-Mail von Hand zu Hand, statt an einer Stelle zu liegen.
- Inventory (Bestände): Alte Dateiversionen und tote Datenbanken, die niemand mehr pflegt und niemand löscht.
- Motion (Bewegung): Dieselbe Zahl wird in drei Systeme eingetippt, weil keine Schnittstelle existiert.
- Waiting (Warten): Der Abschluss steht still, weil eine Freigabe oder eine Zulieferung fehlt.
- Overproduction (Überproduktion): Berichte, die entstehen, weil sie schon immer entstanden sind.
- Overprocessing (Überbearbeitung): Nachkommastellen und Formatierungen, die keine Entscheidung verändern.
- Defects (Fehler): Falsche Zuordnungen, die entdeckt, korrigiert und erklärt werden müssen.
Der teuerste Punkt ist fast immer Überproduktion
Wenn Sie nur eine Kategorie angehen wollen, nehmen Sie diese. Überproduktion ist deshalb so teuer, weil sie andere Verschwendung nach sich zieht. Ein überflüssiger Bericht braucht Daten, also Transport. Er braucht Prüfung, also Bearbeitung. Er erzeugt Nachfragen, also Warten. Ein einziger toter Bericht beschäftigt am Ende mehrere Menschen.
Der Test ist einfach und unangenehm: Schalten Sie einen Bericht für zwei Monate ab und schauen Sie, wer sich meldet. Meldet sich niemand, haben Sie Ihre Antwort. Meldet sich jemand, wissen Sie endlich, wofür Sie ihn erstellen – und können ihn darauf zuschneiden.
Erst messen, dann urteilen
Schätzungen taugen hier nichts. Fast jedes Team unterschreibt die These, dass es zu viele Berichte gibt – und hält dann jeden eigenen für unverzichtbar. Deshalb braucht es Zahlen aus dem eigenen Alltag.
Zwei Wochen Zeitprotokoll genügen. Jede Person notiert grob, wofür Zeit drauf ging, in wenigen Kategorien. Das Ergebnis ist meist unbequem und immer produktiv: Es verlagert das Gespräch von Meinungen auf Stunden. Über Stunden lässt sich sachlich streiten.
Technik hilft – aber erst danach
Automatisierung, Business-Intelligence-Werkzeuge und Cloud-Lösungen sind starke Hebel. Sie wirken aber nur, wenn der darunterliegende Ablauf sauber ist. Wer einen unnötigen Bericht automatisiert, hat nichts gewonnen. Er produziert Verschwendung jetzt nur ohne menschlichen Aufwand – und wird sie nie wieder los, weil sie nicht mehr weh tut.
Die richtige Reihenfolge lautet deshalb: streichen, vereinfachen, standardisieren, automatisieren. Werkzeuge kommen zuletzt. Das ist unspektakulär, spart aber mehr Zeit als jedes neue System.
In sieben Schritten zu schlankeren Controlling-Prozessen
- Führen Sie zwei Wochen ein einfaches Zeitprotokoll mit wenigen Kategorien. Genauigkeit ist zweitrangig, Ehrlichkeit nicht.
- Listen Sie alle wiederkehrenden Berichte auf, mit Empfänger, Aufwand und letzter tatsächlicher Nutzung.
- Ordnen Sie jeden größeren Zeitfresser einer der sieben TIM-WOOD-Kategorien zu. Das schärft den Blick.
- Streichen Sie zuerst, was niemand braucht – testweise für zwei Monate statt per Grundsatzdiskussion.
- Vereinfachen Sie danach, was bleibt: weniger Detailtiefe, weniger Freigabeschleifen, klare Datenquelle.
- Standardisieren Sie das Ergebnis schriftlich, damit die alte Praxis nicht in drei Monaten zurückkehrt.
- Automatisieren Sie erst jetzt – und prüfen Sie nach einem Quartal, ob der Nutzen wirklich eingetreten ist.
Fazit
Effizienz im Controlling entsteht selten durch ein neues System. Sie entsteht durch die Bereitschaft, gewachsene Abläufe ehrlich anzuschauen und Dinge wegzulassen. TIM WOOD ist dabei kein Projekt, sondern eine Brille. Wer sie einmal aufgesetzt hat, sieht in jeder Abschlusswoche mehrere Stellen, an denen Zeit verschwindet, ohne dass irgendjemand davon profitiert. Und genau diese Zeit brauchen Sie für die Arbeit, die zählt.
10 Fragen und Antworten
1. Wofür steht die Abkürzung TIM WOOD?
Für Transport, Inventory, Motion, Waiting, Overproduction, Overprocessing und Defects – sieben Formen von Verschwendung aus dem Lean Management.
2. Funktioniert ein Produktionskonzept im Büro überhaupt?
Ja, die Muster sind dieselben. Der Unterschied ist nur, dass Verschwendung im Büro unsichtbar bleibt, weil sie wie normale Arbeit aussieht.
3. Womit sollte ich anfangen?
Mit Überproduktion. Überflüssige Berichte ziehen alle anderen Verschwendungsarten nach sich und lassen sich vergleichsweise leicht abstellen.
4. Wie finde ich heraus, ob ein Bericht gebraucht wird?
Setzen Sie ihn für zwei Monate aus und beobachten Sie, wer nachfragt. Das ersetzt jede Umfrage.
5. Wie lange dauert eine erste Bestandsaufnahme?
Zwei Wochen Zeitprotokoll plus ein halber Tag Auswertung reichen für ein belastbares Bild. Mehr Aufwand ist am Anfang selten nötig.
6. Was tun, wenn das Team Widerstand leistet?
Trennen Sie Prozess und Person. Es geht nicht um schlechte Arbeit, sondern um Abläufe, die niemand bewusst so entworfen hat.
7. Ist Automatisierung nicht der schnellste Weg?
Nur bei sinnvollen Prozessen. Ein automatisierter überflüssiger Bericht verschwindet nie wieder, weil sein Aufwand unsichtbar wird.
8. Wie oft sollte man Prozesse überprüfen?
Ein fester Termin pro Quartal genügt. Wichtiger als die Häufigkeit ist, dass der Termin wirklich stattfindet.
9. Welche Verschwendung wird am häufigsten übersehen?
Überbearbeitung. Detailtiefe fühlt sich nach Sorgfalt an, verändert aber häufig keine einzige Entscheidung.
10. Wie sichere ich, dass alte Gewohnheiten nicht zurückkommen?
Halten Sie den neuen Ablauf schriftlich fest und prüfen Sie ihn im Quartalstermin. Ohne schriftliche Fassung kehrt die alte Praxis verlässlich zurück.
Dieser Beitrag greift ein Thema meiner Haufe-Kolumne auf. Das Original finden Sie unter haufe.de.

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