Das Wichtigste in Kürze
- Die entscheidende Frage vor jeder Technikinvestition lautet nicht „Was kann das Gerät?“, sondern „Gibt es zu diesem Gerät bei uns auch ein Problem?“
- Es gibt zwei legitime Richtungen: vom Problem zur Lösung — und gelegentlich von der Lösung zum erkannten Problem. Nur muss man wissen, in welcher Richtung man gerade denkt.
- Ein Problem, das Sie nicht beziffern können, ist für die Investitionsrechnung kein Problem, sondern ein Argwohn.
- Der häufigste Fehlkauf entsteht nicht aus schlechter Technik, sondern aus einer Aufgabe, die zu selten anfällt.
- Sechs Minuten Messerundgang genügen, um das Prinzip an konkreten Geräten durchzuspielen — vom Bügeleisen bis zum smarten Spiegel.
Auf einer Messe wie der IFA begegnet man im Halbstundentakt Geräten, die beeindrucken. Beeindruckt sein ist allerdings kein Investitionskriterium. Deshalb stelle ich mir bei jedem Stand dieselbe Frage — und sie ist unbequemer, als sie klingt: Gibt es zu diesem Gadget überhaupt ein passendes Problem?
In der Kurzfassung unseres Rundgangs lässt sich das an sieben Stationen in sechs Minuten nachvollziehen.
Die Frage, die den Unterschied macht
Bei manchen Geräten fällt die Antwort ehrlicherweise negativ aus. Sie sind gut gemacht und lösen nichts, was uns beschwert. Bei anderen passiert etwas Interessantes: Man merkt erst beim Hinsehen, dass man das Problem sehr wohl hatte — man hatte es nur nie benannt.
Genau deshalb ist der pauschale Rat, immer erst vom Problem auszugehen, unvollständig. Beide Richtungen sind zulässig. Man sollte nur wissen, in welcher man gerade unterwegs ist — und die zweite Richtung diszipliniert zu Ende gehen.
Ein Beispiel, das sofort einleuchtet
Der smarte Spiegel aus Korea empfiehlt anhand von Wetter und vorhandener Garderobe ein Outfit. Klingt nach einer Spielerei — bis man das Problem benennt: voller Kleiderschrank, trotzdem die Frage, was man anzieht. Das kostet jeden Morgen Minuten und eine Entscheidung, die man an diesem Tag nicht mehr treffen muss.
Ob daraus eine Kaufentscheidung wird, hängt an der zweiten Zahl: Wie oft tritt das auf, und was ist mir die Minute wert? Das ist keine Technikfrage mehr, sondern eine ganz gewöhnliche Wirtschaftlichkeitsbetrachtung.
Und eines, das nicht einleuchtet
Auf einem Stand standen Menschen auf einem vierbeinigen Roboter. Beeindruckend anzusehen, technisch bemerkenswert — und ohne erkennbaren Anwendungsfall. Unser gemeinsames Urteil vor Ort: ein Messegag. Dieselbe Technik wird zwei Hallen weiter ernsthaft interessant, sobald es um die Inspektion von Anlagen geht, in die Menschen wegen Hitze oder Gasen nicht mehr dürfen.
Gleiche Technik, unterschiedlicher Wert. Der Unterschied liegt nicht im Gerät, sondern in der Frage, die man daran stellt.
Warum die Häufigkeit über alles entscheidet
Der häufigste Fehlkauf entsteht nicht durch schlechte Technik. Er entsteht durch eine Aufgabe, die zu selten anfällt. Ein Werkzeug, das eine Stunde spart, aber dreimal im Jahr gebraucht wird, ist selbst bei perfekter Funktion eine schlechte Investition.
Deshalb steht die Häufigkeit in meiner Prüfreihenfolge vor dem Nutzen je Anwendung. Sie ist die Zahl, die am schnellsten Klarheit schafft — und die am seltensten erhoben wird. Wie viel Zeit in Prozessen unbemerkt versickert, habe ich in meinem Beitrag über Verschwendung im Controlling beschrieben.
In fünf Schritten vom Gadget zur Entscheidung
- Problem benennen. In einem Satz, ohne das Produkt zu erwähnen. Gelingt das nicht, gibt es noch keins.
- Häufigkeit schätzen. Täglich, wöchentlich, dreimal im Jahr? Diese Zahl entscheidet meistens allein.
- Heutige Kosten beziffern. Was kostet der aktuelle Umgang mit dem Problem — an Zeit, an Nacharbeit, an entgangener Gelegenheit?
- Alternativen ohne Anschaffung prüfen. Manchmal löst eine geänderte Reihenfolge im Prozess dasselbe Problem zum Nulltarif.
- Abbruchkriterium festlegen. Woran würden Sie erkennen, dass die Anschaffung ein Fehler war? Wer das nicht beantworten kann, wird es später auch nicht zugeben.
Fazit
Neugier und Disziplin schließen sich nicht aus. Man darf sich von Technik begeistern lassen — man sollte die Begeisterung nur nicht mit einer Investitionsentscheidung verwechseln. Die Brücke zwischen beidem ist eine einzige, unbequeme Frage, und sie kostet nichts außer der Bereitschaft, sie ehrlich zu beantworten.
Den vollständigen Rundgang gibt es auf digital4productivity.de, und wer die Auswahl für das eigene Unternehmen strukturieren möchte, findet in der Entscheidungshilfe von Thorsten Jekel einen Rahmen dafür.
10 Fragen und Antworten
1. Ist es falsch, sich von einem Gerät begeistern zu lassen?
Nein. Begeisterung ist ein guter Anlass, genauer hinzusehen. Sie ist nur kein Ersatz für die Frage nach dem Problem und nach der Häufigkeit.
2. Darf man von der Lösung zum Problem denken?
Ja, sofern man es bemerkt. Manche Probleme fällt einem erst auf, wenn man die Lösung sieht. Entscheidend ist, dass Sie danach dieselbe Prüfung durchlaufen wie bei jeder anderen Investition.
3. Was, wenn sich das Problem nicht beziffern lässt?
Dann ist es für die Investitionsrechnung noch kein Problem, sondern eine Vermutung. Das ist kein Ausschlusskriterium — aber es gehört so benannt, statt in eine Rechnung gekleidet zu werden.
4. Wie unterscheide ich einen Trend von einer Modeerscheinung?
Am Verlauf über mehrere Jahre. Wenn eine Technologie in zwei aufeinanderfolgenden Jahren sichtbar besser wird und mehrere Anbieter dasselbe verfolgen, ist es ein Trend. Ein einzelner spektakulärer Stand ist keiner.
5. Welche Rolle spielt der Preis in dieser Prüfung?
Eine späte. Solange Häufigkeit und heutige Kosten nicht stehen, gibt es keinen Maßstab, an dem ein Preis günstig oder teuer sein könnte.
6. Wie gehe ich mit Geräten um, die mehrere Probleme gleichzeitig lösen?
Rechnen Sie mit dem größten Einzelnutzen und behandeln Sie den Rest als Zugabe. Wer alle Teilnutzen addiert, kommt fast immer auf ein positives Ergebnis — auch dann, wenn keiner davon für sich trägt.
7. Wer sollte diese Prüfung im Unternehmen machen?
Am besten gemeinsam: die Fachabteilung kennt die Häufigkeit, das Controlling die Kosten. Getrennt kommen beide zu Ergebnissen, die der jeweils anderen Seite nicht standhalten.
8. Wie vermeide ich, dass die Prüfung zur Bürokratie wird?
Halten Sie sie auf eine Seite. Fünf Fragen, fünf Antworten. Wenn die Beantwortung länger dauert als ein Gespräch, ist entweder die Anschaffung zu groß oder das Problem zu unklar.
9. Was mache ich mit Geräten, die nur Spaß machen?
Kaufen Sie sie privat und nennen Sie es beim Namen. Problematisch wird es erst, wenn eine private Neugier als betriebliche Notwendigkeit begründet wird.
10. Womit fange ich nach einem Messebesuch an?
Mit einer Nacht Abstand. Schreiben Sie am nächsten Tag auf, welche drei Dinge Sie noch erinnern, und prüfen Sie nur diese. Was Sie über Nacht vergessen haben, hat kein Problem gelöst.

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