Das Wichtigste in Kürze
- Viele Service Center messen sehr viel und steuern trotzdem wenig.
- Kennzahlen wirken erst, wenn sie entlang der Wertschöpfungskette aufgebaut sind.
- Zwei zentrale Kennzahlen je Bereich reichen in der Praxis meist aus.
- Ohne das Gespräch mit den Mitarbeitenden bleibt jedes Cockpit reine Dekoration.
- Nach rund drei Monaten gehört jedes neue Kennzahlensystem auf den Prüfstand.
Montagmorgen in einem Customer Service Center. Die Teamleiterin öffnet den Wochenreport: 42 Zahlen auf vier Seiten. Erreichbarkeit, durchschnittliche Gesprächsdauer, Nachbearbeitungszeit, Weiterleitungsquote, Krankenstand, Servicelevel je Viertelstunde. Sie überfliegt alles, seufzt und schließt die Datei wieder. Im Teammeeting spricht sie dann über das, was sie ohnehin gespürt hat: Es war viel los. Der Report hat nichts verändert.
Kommt Ihnen das bekannt vor? Kaum ein Bereich im Unternehmen wird so intensiv vermessen wie der Kundenservice. Jedes Telefonsystem, jedes Ticket-Tool, jede Wissensdatenbank liefert Daten im Sekundentakt. Und trotzdem hören Sie in Service Centern häufig denselben Satz: Wir wissen nicht wirklich, woran wir arbeiten sollen. Das ist kein Datenproblem. Es ist ein Steuerungsproblem.
Warum das Zahlenmeer lähmt statt hilft
Wenn alles gemessen wird, ist nichts wichtig. Ein Mitarbeiter, der gleichzeitig auf kurze Gesprächszeiten, hohe Erstlösungsquote, freundliche Beratung und Zusatzverkäufe achten soll, steht vor lauter Zielen still. Er entscheidet dann nach Gefühl oder nach dem, was der Vorgesetzte zuletzt betont hat. Das Kennzahlensystem hat seine wichtigste Aufgabe verfehlt: Orientierung zu geben.
Dazu kommt ein zweiter Effekt. Zu viele Kennzahlen erzeugen Ausweichverhalten. Wer an der Gesprächsdauer gemessen wird, beendet Gespräche schneller, als der Kunde es braucht. Wer an der Zahl bearbeiteter Tickets gemessen wird, greift sich die einfachen Fälle. Kennzahlen sind nie neutral. Sie verändern das Verhalten der Menschen, die sie sehen. Deshalb ist die Auswahl der Kennzahlen eine Führungsentscheidung, keine Fleißaufgabe der IT.
Die eigentliche Ursache: Messen ohne Wertschöpfungslogik
In den meisten Service Centern sind die Kennzahlen historisch gewachsen. Jemand hat vor Jahren einen Report gebaut, das System lieferte weitere Felder, ein Projekt kam dazu, ein Vorstand wünschte eine Sonderauswertung. Das Ergebnis ist eine Sammlung dessen, was technisch verfügbar war, nicht dessen, was fachlich zählt.
Der bessere Weg beginnt an einer anderen Stelle: bei der Wertschöpfungskette. Fragen Sie sich, wie eine Kundenanfrage tatsächlich durch Ihr Haus läuft. Der Kunde hat ein Anliegen, findet einen Kontaktkanal, wartet, schildert sein Problem, wird beraten, gegebenenfalls weitergeleitet, sein Fall wird nachbearbeitet, dokumentiert und im besten Fall abgeschlossen. Jeder dieser Schritte hat einen eigenen Beitrag zum Ergebnis. Und jeder Schritt braucht genau eine Frage: Woran erkennen wir, dass dieser Schritt gut gelaufen ist?
Erst wenn Sie diese Kette sauber beschrieben haben, wird sichtbar, welche Zahlen Sie brauchen. Und vor allem: welche Zahlen Sie getrost weglassen können. Stellen Sie sich das Service Center wie eine Küche vor. Sie können Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Schrittzahl der Köche messen. Entscheidend sind aber die Zeit bis zum Servieren und der leere Teller am Ende.
Weniger ist mehr: zwei Kennzahlen je Bereich
Eine der wirksamsten Regeln lautet: zwei zentrale Kennzahlen je Bereich. Eine für die Leistung nach außen, eine für die Effizienz nach innen. Im Frontoffice könnte das die Erstlösungsquote und die Erreichbarkeit sein. Im Backoffice die Durchlaufzeit und der Anteil fehlerfrei abgeschlossener Vorgänge. Im Qualitätsmanagement die Kundenzufriedenheit nach Kontakt und die Zahl vermiedener Wiederkontakte.
Alles andere wandert in die zweite Reihe. Es bleibt verfügbar, wenn jemand eine Abweichung erklären möchte, taucht aber nicht mehr im wöchentlichen Steuerungsgespräch auf. Das klingt banal, ist aber der Unterschied zwischen einem Cockpit und einem Kennzahlenfriedhof. Ein Pilot schaut im Landeanflug auch nicht auf 40 Anzeigen gleichzeitig.
Warum Controlling und Fachbereich zusammen an den Tisch gehören
Kennzahlen für den Service entstehen selten am Schreibtisch des Controllings allein. Die Definitionen stecken in den Systemen: Was genau zählt als gelöster Fall? Ab wann gilt ein Kontakt als Wiederkontakt? Wird eine Rückrufbitte als eigener Vorgang gezählt? Wenn Fachbereich, Controlling und IT diese Fragen nicht gemeinsam beantworten, misst am Ende jeder etwas anderes und alle streiten über die Zahl statt über die Ursache.
Nehmen Sie außerdem die Mitarbeitenden früh mit hinein. Sie wissen genau, an welcher Stelle Vorgänge hängen bleiben. Und sie merken sofort, ob eine Kennzahl fair ist oder ob sie Verhalten belohnt, das dem Kunden schadet. Eine Kennzahl, die im Team niemand für sinnvoll hält, wird nicht gesteuert, sondern umgangen.
Der Blick nach außen: Benchmarks richtig nutzen
Interne Zahlen zeigen Ihnen Ihre Entwicklung, aber nicht Ihr Niveau. Erst ein externer Vergleich beantwortet die Frage, ob eine bestimmte Durchlaufzeit gut oder nur gewohnt ist. Nutzen Sie deshalb Branchenvergleiche, Erfahrungswerte aus Verbänden oder den Austausch mit Service Centern anderer Branchen. Wichtig ist dabei die Vergleichbarkeit der Definitionen. Ein Benchmark, dessen Berechnungslogik Sie nicht kennen, ist eine Zahl ohne Bedeutung. Und behandeln Sie Vergleichswerte als Denkanstoß, nicht als Zielvorgabe. Ihr Kundenversprechen entscheidet, welches Niveau für Sie richtig ist.
In sieben Schritten zum wirksamen Kennzahlen-Cockpit
- Zeichnen Sie die Wertschöpfungskette Ihres Service Centers auf, vom ersten Kundenkontakt bis zum abgeschlossenen Vorgang.
- Formulieren Sie je Prozessschritt eine einzige Leitfrage nach dem gewünschten Ergebnis.
- Wählen Sie je Bereich höchstens zwei Kennzahlen aus, eine für die Wirkung beim Kunden, eine für die Effizienz.
- Definieren Sie gemeinsam mit Fachbereich und IT jede Kennzahl schriftlich: Datenquelle, Berechnung, Abgrenzung, Verantwortlicher.
- Besorgen Sie sich mindestens einen externen Vergleichswert je Kennzahl und prüfen Sie dessen Berechnungslogik.
- Führen Sie das Cockpit im Team ein und erklären Sie, welche Entscheidung mit welcher Zahl getroffen wird.
- Prüfen Sie nach etwa drei Monaten, welche Kennzahl gesteuert hat, welche ignoriert wurde und welche Fehlanreize gesetzt hat, und korrigieren Sie konsequent.
Fazit
Ein Customer Service Center steuern Sie nicht mit mehr Daten, sondern mit weniger und besseren. Bauen Sie Ihre Kennzahlen entlang der Wertschöpfungskette auf, beschränken Sie sich je Bereich auf zwei zentrale Größen, definieren Sie diese gemeinsam mit den Menschen, die damit arbeiten, und vergleichen Sie sich mit dem Markt. Geben Sie sich außerdem die Erlaubnis, nach drei Monaten nachzujustieren. Ein Kennzahlensystem ist kein Denkmal, sondern ein Werkzeug. Werkzeuge werden benutzt, geschärft und bei Bedarf ausgetauscht.
10 Fragen und Antworten
1. Wie viele Kennzahlen sind im Service Center sinnvoll?
Für die laufende Steuerung reichen zwei zentrale Kennzahlen je Bereich. Alles Weitere dient der Analyse, nicht der Führung.
2. Ist die durchschnittliche Gesprächsdauer eine gute Kennzahl?
Allein genutzt setzt sie klare Fehlanreize, weil sie kurze statt guter Gespräche belohnt. Sinnvoll wird sie nur zusammen mit einer Ergebnisgröße wie der Erstlösungsquote.
3. Was ist ein Kennzahlenfriedhof?
Ein Report voller Werte, die niemand mehr liest und aus denen keine Entscheidung folgt. Er kostet Aufwand und stiftet keinen Nutzen.
4. Wer sollte die Kennzahlen definieren?
Controlling, Fachbereich und IT gemeinsam. Nur so passen fachliche Absicht, Datenverfügbarkeit und Berechnungslogik zusammen.
5. Wie vermeide ich Fehlanreize?
Kombinieren Sie immer eine Effizienzgröße mit einer Wirkungsgröße beim Kunden. Und fragen Sie Ihr Team, wie es die Zahl am einfachsten schönen könnte.
6. Wie oft sollte ich Kennzahlen besprechen?
Ein kurzer wöchentlicher Blick auf die zentralen Größen genügt meist. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit, nicht die Länge des Termins.
7. Was bringen externe Benchmarks?
Sie zeigen Ihnen Ihr Niveau, nicht nur Ihren Trend. Voraussetzung ist, dass Sie die Berechnungslogik des Vergleichswerts kennen.
8. Sollten Kennzahlen an Prämien gekoppelt werden?
Nur mit großer Vorsicht und niemals an eine einzelne Größe. Je stärker die finanzielle Kopplung, desto stärker das Ausweichverhalten.
9. Wie führe ich ein neues Cockpit ein?
Erklären Sie zuerst, welche Entscheidung mit welcher Zahl getroffen wird. Menschen akzeptieren Kennzahlen, deren Zweck sie verstehen.
10. Wann sollte ich nachjustieren?
Planen Sie eine feste Überprüfung nach etwa drei Monaten ein. Dann sehen Sie, welche Kennzahl wirklich gesteuert hat und welche nur Aufwand war.
Dieser Beitrag greift ein Thema meiner Haufe-Kolumne auf. Das Original finden Sie unter haufe.de.

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