Wie recherchieren Sie die Informationen, die Ihre Entscheidung wirklich tragen?

4. August 2020 | KI im Controlling

Das Wichtigste in Kürze

  • Interne Auswertungen beschreiben die Vergangenheit. Für Entscheidungen brauchen Sie zusätzlich Informationen von außen.
  • Der häufigste Fehler ist nicht fehlende Zeit, sondern eine zu enge Fragestellung.
  • Suchanfragen verraten, welche Fragen Ihre Kunden und Kollegen tatsächlich beschäftigen.
  • Wer zusätzlich auf Englisch sucht, findet deutlich mehr Quellen als bei einer rein deutschen Recherche.
  • Jede Zahl, die in eine Präsentation wandert, braucht eine nachvollziehbare Quelle.

Es ist Dienstagvormittag. Die Geschäftsführung möchte wissen, wie sich der wichtigste Absatzmarkt in den nächsten zwölf Monaten entwickelt. Sie öffnen Ihr Berichtssystem und finden dort genau das, was Sie erwartet haben: sauber aufbereitete Umsätze, Deckungsbeiträge und Auftragseingänge der vergangenen Monate. Alles korrekt. Und trotzdem beantwortet keine dieser Zahlen die gestellte Frage.

Kennen Sie diesen Moment? Er ist typisch für die Arbeit im Controlling. Wir sind hervorragend darin, das eigene Unternehmen zu vermessen. Sobald der Blick nach außen gehen soll, beginnt oft das mühsame Suchen. Dabei liegen die entscheidenden Informationen häufig frei zugänglich im Netz. Es fehlt selten der Zugang. Es fehlt ein System.

Warum interne Zahlen allein nicht ausreichen

Ihre Systeme sind ein Rückspiegel. Sie zeigen präzise, was passiert ist. Wer aber eine Investition bewerten, ein Preismodell prüfen oder ein neues Angebot einschätzen will, braucht den Blick durch die Windschutzscheibe. Und dieser Blick entsteht nur aus Informationen, die außerhalb Ihrer Datenbank liegen: Marktentwicklungen, Wettbewerberzahlen, politische Rahmenbedingungen, Kundenbedürfnisse.

Die Folge, wenn dieser Blick fehlt: Entscheidungen werden mit Bauchgefühl aufgefüllt. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Es wird aber teuer, wenn niemand mehr unterscheiden kann, welcher Teil einer Empfehlung auf Daten beruht und welcher auf Vermutung.

Die eigentliche Ursache: Wir stellen die falsche Frage

Viele Recherchen scheitern nicht am Werkzeug, sondern am Einstieg. Wir tippen ein Schlagwort in die Suchmaschine, überfliegen die ersten Treffer und geben nach zehn Minuten auf. Das Problem: Ein Schlagwort ist keine Frage. Es liefert Ihnen alles und damit nichts.

Ein zweiter Grund ist der Sprachraum. Wer ausschließlich auf Deutsch sucht, bewegt sich in einem kleinen Ausschnitt des verfügbaren Wissens. Fachbeiträge, Studien und Branchenberichte erscheinen häufig zuerst auf Englisch. Wer diese Quellen ausblendet, arbeitet mit halber Datenbasis, ohne es zu merken.

Fragen Sie zuerst, was Ihre Zielgruppe fragt

Es gibt einen erstaunlich einfachen Weg, um herauszufinden, was Menschen wirklich bewegt: ihre Suchanfragen. In eine Suchmaschine tippt niemand etwas hinein, um Eindruck zu machen. Dort steht die ehrliche Frage. Genau deshalb sind Suchdaten eine unterschätzte Quelle für das Controlling.

Nehmen wir an, Ihr Unternehmen erwägt ein neues Serviceangebot. Statt intern zu diskutieren, welche Leistungen sinnvoll wären, schauen Sie sich an, welche Fragen rund um dieses Thema tatsächlich gestellt werden. Oft zeigt sich dabei etwas Überraschendes: Der Markt fragt nach Verlässlichkeit, während intern über den Funktionsumfang gestritten wird. Diese Erkenntnis kostet nichts und verändert eine Investitionsrechnung erheblich.

Recherchieren Sie grundsätzlich zweisprachig

Machen Sie es sich zur Gewohnheit, jede wichtige Suche zweimal durchzuführen: einmal auf Deutsch, einmal auf Englisch. Die Trefferlisten unterscheiden sich meist deutlich, und zwar nicht nur in der Menge, sondern in der Perspektive. Deutsche Quellen sind häufig regulatorisch geprägt, englischsprachige stärker marktorientiert. Beides zusammen ergibt ein rundes Bild.

Sprachbarrieren sind heute kein ernsthaftes Hindernis mehr. Moderne Übersetzungsdienste liefern in Sekunden eine Fassung, die für eine erste Einschätzung völlig ausreicht. Für die finale Formulierung im Bericht schauen Sie dann noch einmal genau hin.

Prüfen Sie, bevor Sie präsentieren

Eine Zahl in einer Präsentation entfaltet enorme Wirkung. Sie beendet Diskussionen. Genau deshalb tragen Sie als Controllerin oder Controller Verantwortung dafür, woher diese Zahl stammt. Fragen Sie bei jeder Angabe: Wer hat sie erhoben? Wann? Mit welchem Interesse? Eine Statistik, die von einem Anbieter des untersuchten Produkts finanziert wurde, ist kein Beweis, sondern ein Hinweis.

Nützlich ist eine einfache Regel: keine Zahl ohne Quellenangabe auf der Folie. Das wirkt zunächst kleinlich. In der zweiten Nachfragerunde eines kritischen Meetings ist es Gold wert, und es diszipliniert die eigene Recherche.

Welche Werkzeuge den Alltag erleichtern

Erst jetzt lohnt der Blick auf konkrete Hilfsmittel. Für die Suchfragen von Zielgruppen gibt es Dienste, die typische Fragestellungen zu einem Stichwort sichtbar machen. Für Fachliteratur nutzen Sie eine wissenschaftliche Suchmaschine statt der normalen Websuche. Jahresabschlüsse deutscher Unternehmen finden Sie im elektronischen Bundesanzeiger, einer unterschätzten Quelle, wenn Sie Wettbewerber einschätzen wollen. Statistikportale liefern Marktdaten und Prognosen, allerdings meist gegen Gebühr.

Für laufende Themen richten Sie sich automatische Benachrichtigungen ein. Sie definieren einmal Ihre Suchbegriffe und bekommen anschließend neue Fundstellen zugeschickt, ohne selbst aktiv zu werden. Das ist der größte Zeitgewinn überhaupt: Recherche, die im Hintergrund weiterläuft. Und wenn eine Studie zu gut klingt, um wahr zu sein, hilft ein Blick auf die bekannten Faktencheck-Portale, bevor Sie die Zahl weitertragen.

In sieben Schritten zur belastbaren Recherche

  1. Formulieren Sie Ihr Anliegen als vollständige Frage, nicht als Stichwort. Schreiben Sie diese Frage auf.
  2. Legen Sie fest, welche Art von Antwort Sie brauchen: eine Zahl, eine Einschätzung oder ein Beispiel.
  3. Suchen Sie zuerst auf Deutsch, dann mit demselben Anliegen auf Englisch.
  4. Sammeln Sie drei bis fünf Quellen und notieren Sie zu jeder Herausgeber und Datum.
  5. Prüfen Sie bei jeder Zahl, wer sie erhoben hat und wer davon profitiert.
  6. Richten Sie für das Thema eine automatische Benachrichtigung ein, damit Sie auf dem Laufenden bleiben.
  7. Fassen Sie Ihr Ergebnis auf einer Seite zusammen: Aussage, Quelle, Unsicherheit.

Fazit

Gute Recherche ist keine Frage von Talent oder Technik, sondern von Reihenfolge. Zuerst kommt die klare Frage, dann der Blick über die Sprachgrenze, dann die kritische Prüfung. Erst ganz am Ende folgt das Werkzeug. Wer diese Reihenfolge einhält, liefert der Geschäftsführung nicht nur Zahlen aus dem Rückspiegel, sondern eine begründete Einschätzung dessen, was kommt. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen Berichtswesen und echter Entscheidungsunterstützung.

10 Fragen und Antworten

1. Wie viel Zeit sollte ich für eine Recherche einplanen?

Setzen Sie sich bewusst ein Zeitfenster, etwa 45 Minuten. Ohne Begrenzung wächst jede Recherche ins Unendliche. Mit Begrenzung zwingen Sie sich zur klaren Frage.

2. Was mache ich, wenn ich zu einer Frage gar nichts finde?

Dann ist meist die Frage zu speziell formuliert. Gehen Sie eine Ebene höher, suchen Sie nach dem Oberbegriff und arbeiten Sie sich von dort nach unten.

3. Sind kostenpflichtige Datenbanken notwendig?

Für den Einstieg nicht. Beginnen Sie mit frei zugänglichen Quellen. Erst wenn Sie regelmäßig an dieselbe Grenze stoßen, lohnt sich ein bezahlter Zugang.

4. Wie erkenne ich eine unseriöse Quelle?

Achten Sie auf fehlende Angaben zu Herausgeber, Erhebungszeitraum und Methode. Wo diese drei Punkte fehlen, sollten Sie die Zahl nicht weitergeben.

5. Lohnt sich die englische Suche auch bei rein deutschen Themen?

Bei rechtlichen Fragen selten, bei Methoden und Markttrends fast immer. Der Aufwand ist gering, der mögliche Erkenntnisgewinn hoch.

6. Wie halte ich meine Ergebnisse auffindbar?

Legen Sie pro Thema eine kurze Notiz mit Link, Datum und Kernaussage an. Nach einem Jahr ist diese Sammlung wertvoller als jede einzelne Recherche.

7. Darf ich Suchdaten für die Produktentwicklung nutzen?

Ja, und Sie sollten es tun. Suchanfragen zeigen unverstellte Bedürfnisse. Sie ersetzen keine Kundengespräche, liefern aber gute Hypothesen dafür.

8. Wie gehe ich mit widersprüchlichen Quellen um?

Nennen Sie den Widerspruch offen. Eine Bandbreite mit Erklärung ist ehrlicher und meist nützlicher als eine scheinbar exakte Einzelzahl.

9. Wer im Team sollte recherchieren?

Am besten die Person, die später die Empfehlung vertritt. Wer selbst gesucht hat, kennt die Unsicherheiten und kann Rückfragen souverän beantworten.

10. Wie überzeuge ich die Geschäftsführung von externen Daten?

Verbinden Sie jede externe Information direkt mit einer internen Kennzahl. Der Bezug zum eigenen Geschäft macht aus einer Marktzahl eine Entscheidungsgrundlage.


Dieser Beitrag greift ein Thema meiner Haufe-Kolumne auf. Das Original finden Sie unter haufe.de.

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