Warum kennt niemand im Unternehmen die Kennzahlen, auf die es ankommt?

25. Mai 2020 | Reporting & Kommunikation

Das Wichtigste in Kürze

  • Kennzahlen wirken erst, wenn Menschen sie sehen. Ein PDF im Postfach sieht kaum jemand.
  • Die Ursache für Desinteresse liegt selten an den Zahlen, sondern an der fehlenden Bedeutung.
  • In stabilen Zeiten reichen drei bis fünf Kennzahlen. In der Krise brauchen Sie mehr und häufigere Messpunkte.
  • Physische, sichtbare Anzeigen im Flur schlagen jedes noch so schöne Dashboard.
  • Wer Kennzahlen mit einem eingängigen Namen versieht, macht sie im Alltag anschlussfähig.

Stellen Sie sich vor: Ihr Monatsbericht ist fertig. Vierzig Seiten, sauber formatiert, alle Abweichungen kommentiert. Sie verschicken ihn am Vormittag an den Verteiler. Am Nachmittag kommt eine einzige Rückfrage, und die betrifft eine Formatierung auf Seite 31. Wo sind die anderen 39 Seiten geblieben?

Vermutlich kennen Sie diese Erfahrung. Und sie ist frustrierend, weil die Arbeit gut war. Das Problem liegt nicht in der Qualität Ihrer Analyse. Es liegt darin, dass Kennzahlen in einem Dokument verschwinden, das man aktiv öffnen muss. Sichtbarkeit entsteht nicht durch Versand. Sichtbarkeit entsteht durch Präsenz.

Das eigentliche Problem: Kennzahlen leben im Verborgenen

In vielen Unternehmen kennen genau drei Personen die aktuelle Auftragslage: die Geschäftsführung, der Vertriebsleiter und Sie. Alle anderen arbeiten im Blindflug. Sie spüren zwar, ob viel oder wenig zu tun ist, können das aber nicht einordnen. Ist ein voller Auftragsbestand ein gutes oder ein alarmierendes Zeichen? Ohne Bezugsgröße bleibt jede Wahrnehmung Gefühl.

Die Folge: Entscheidungen an der Basis fallen ohne Bezug zur Unternehmenslage. Ein Team bestellt Material, weil es immer so bestellt wurde. Eine Schicht wird verlängert, obwohl der Deckungsbeitrag des Auftrags negativ ist. Niemand handelt böswillig. Es fehlt schlicht die Information am Ort der Entscheidung.

Die Ursache: Zahlen ohne Bedeutung

Warum interessiert sich niemand für den EBIT? Weil eine Prozentzahl in einer Tabelle für die meisten Menschen keine Geschichte erzählt. Unser Gehirn merkt sich Bilder, Bewegung und Wettbewerb. Es merkt sich keine Nachkommastellen.

Dazu kommt ein zweites Problem: die Menge. Wer fünfundzwanzig Kennzahlen veröffentlicht, veröffentlicht faktisch keine. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Je mehr Sie zeigen, desto weniger bleibt hängen. Weniger Kennzahlen bedeuten nicht weniger Steuerung, sondern mehr Wirkung.

Wie viele Kennzahlen sind richtig?

Es gibt darauf keine feste Antwort, wohl aber eine gute Faustregel: Die Anzahl hängt von der Lage ab. Läuft das Geschäft stabil, genügen drei bis fünf Größen, um alle auf Kurs zu halten. Typischerweise sind das Auftragseingang, operatives Ergebnis, Liquidität und eine Kennzahl, die den Kundennutzen abbildet.

Gerät das Unternehmen in schwieriges Fahrwasser, kehrt sich das um. Dann brauchen Sie mehr Messpunkte und kürzere Abstände. In der Krise zählt der wöchentliche Liquiditätsstatus mehr als eine sauber abgegrenzte Monatsrechnung. Das ist kein Widerspruch zur Sparsamkeit, sondern eine Frage der Navigationshöhe: Bei ruhiger See genügt der Blick zum Horizont, im Nebel schauen Sie ständig auf das Echolot.

Machen Sie Kennzahlen sichtbar und greifbar

Der wirksamste Hebel ist überraschend analog. Hängen Sie die wichtigste Kennzahl dort auf, wo alle täglich vorbeikommen: im Flur, in der Kantine, neben dem Kaffeeautomaten. Nicht als Excel-Ausdruck, sondern als großes, einfaches Bild.

Noch besser wirkt eine Darstellung, die man anfassen kann. Eine durchsichtige Säule, die mit farbigen Kugeln gefüllt wird, sobald ein Auftrag gewonnen ist. Eine Magnetwand, auf der jedes Team seinen Fortschritt selbst verschiebt. Ein Thermometer aus Pappe, das den Weg zum Jahresziel zeigt. Das klingt nach Kindergarten? Beobachten Sie einmal, wie oft Menschen davor stehen bleiben und darüber sprechen. Genau darum geht es.

Geben Sie Kennzahlen einen Namen, den man sich merkt

Eine Kennzahl mit dem Titel Deckungsbeitrag II pro Fertigungsstunde wird niemand in der Mittagspause erwähnen. Eine Kennzahl, die im Unternehmen einen eigenen, augenzwinkernden Namen hat, schon. Manche Teams benennen ihre vier Steuerungsgrößen nach Filmen, andere nach Bergetappen oder Planeten. Das Prinzip dahinter ist ernst: Ein Name schafft Identifikation, und Identifikation schafft Aufmerksamkeit.

Wichtig ist nur, dass hinter dem Namen eine klare Definition steht. Sonst entsteht Folklore statt Steuerung. Hinterlegen Sie zu jeder öffentlich gezeigten Größe eine kurze Erklärung: Was wird gemessen, ab wann ist es gut, wer beeinflusst sie?

Und was, wenn die Zahlen schlecht sind?

Viele Führungskräfte zeigen Kennzahlen nur, solange sie gut aussehen. Das ist verständlich und trotzdem ein Fehler. Wer nur Erfolge veröffentlicht, verliert bei der ersten Delle die Glaubwürdigkeit. Belegschaften spüren eine Schieflage ohnehin. Offen kommunizierte Zahlen nehmen dem Flurfunk die Grundlage.

Ein praktischer Einstieg für schwierige Phasen: Nehmen Sie den schlechtesten Monat der vergangenen zwölf Monate und rechnen Sie durch, wie das Unternehmen dasteht, wenn dieser Monat zur Regel wird. Diese Übung ist unbequem, sie zeigt aber präzise, welche Kosten wirklich variabel sind und wo Handlungsspielraum besteht.

In sechs Schritten zur sichtbaren Kennzahl

  1. Wählen Sie drei bis fünf Kennzahlen, die Ihr Geschäft wirklich steuern, und streichen Sie den Rest aus der öffentlichen Darstellung.
  2. Definieren Sie zu jeder Größe schriftlich: Berechnung, Zielwert, Verantwortliche.
  3. Suchen Sie den Ort im Unternehmen, an dem täglich die meisten Menschen vorbeikommen.
  4. Bauen Sie dort eine große, einfache und wenn möglich anfassbare Anzeige auf.
  5. Legen Sie einen festen Rhythmus für die Aktualisierung fest und halten Sie ihn ausnahmslos ein.
  6. Feiern Sie erreichte Ziele sichtbar an derselben Stelle, kurz und ohne großen Aufwand.

Fazit

Kennzahlen entfalten ihre Wirkung nicht im Bericht, sondern im Kopf der Menschen, die täglich Entscheidungen treffen. Wenige, klar benannte und sichtbar aufgehängte Größen verändern das Verhalten stärker als jedes zusätzliche Auswertungssystem. Der Aufwand dafür ist gering, der Effekt groß. Fangen Sie mit einer einzigen Kennzahl an einer einzigen Wand an und beobachten Sie, was passiert.

10 Fragen und Antworten

1. Dürfen wirklich alle Mitarbeitenden Finanzkennzahlen sehen?

In den meisten Unternehmen spricht nichts dagegen, solange keine personenbezogenen oder börsenrelevanten Daten betroffen sind. Klären Sie es vorab mit der Geschäftsführung ab.

2. Was zeige ich, wenn absolute Zahlen vertraulich sind?

Nutzen Sie Zielerreichung in Prozent oder eine Ampel. Die Richtung ist für die Steuerung im Alltag wichtiger als der absolute Betrag.

3. Wie oft sollte die Anzeige aktualisiert werden?

So oft, wie die Kennzahl sich sinnvoll verändert. Täglich bei Auftragseingang, monatlich beim Ergebnis. Entscheidend ist die Verlässlichkeit des Rhythmus.

4. Ist ein digitales Dashboard nicht moderner?

Moderner ja, wirksamer oft nein. Ein Bildschirm wird schnell zur Tapete. Etwas, das man bewegt oder befüllt, bleibt im Gedächtnis.

5. Wie verhindere ich, dass Kennzahlen zum Druckmittel werden?

Zeigen Sie Teamergebnisse statt Einzelleistungen und verbinden Sie jede Abweichung mit einer Frage, nicht mit einer Schuldzuweisung.

6. Wer pflegt die Anzeige?

Am besten das Team selbst. Wer eine Kugel eigenhändig einwirft, verbindet sich mit dem Ergebnis stärker als jemand, der eine Mail dazu bekommt.

7. Was mache ich mit Standorten im Homeoffice?

Bilden Sie dieselbe Anzeige digital nach und zeigen Sie sie zu Beginn jeder Teamrunde. Wichtig ist der gemeinsame Blick, nicht der gemeinsame Raum.

8. Wie wähle ich aus vielen Kennzahlen die richtigen aus?

Fragen Sie bei jeder Kennzahl: Kann jemand im Unternehmen sie durch sein Handeln direkt beeinflussen? Wenn nein, gehört sie nicht an die Wand.

9. Lohnt sich der Aufwand auch für kleine Unternehmen?

Gerade dort. Je kleiner das Team, desto unmittelbarer wirkt jede Entscheidung auf das Ergebnis und desto schneller sehen Sie den Effekt.

10. Wie starte ich, ohne ein großes Projekt daraus zu machen?

Eine Kennzahl, ein Plakat, ein Ort, vier Wochen Testlauf. Danach entscheiden Sie anhand der Reaktionen, ob Sie ausbauen.


Dieser Beitrag greift ein Thema meiner Haufe-Kolumne auf. Das Original finden Sie unter haufe.de.

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